|
Predigt zur Thomasmesse 2009 - Andrea Bornemann
Lk. 18,18
18 Und es fragte ihn ein Oberer und sprach: Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?
19 Jesus aber sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.
20 Du kennst die Gebote: a»Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!«
21 Er aber sprach: Das habe ich alles gehalten von Jugend auf.
22 Als Jesus das hörte, sprach er zu ihm: Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen aSchatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!
23 Als er das aber hörte, wurde er traurig; denn er war sehr reich.
24 Als aber Jesus sah, dass er traurig geworden war, sprach er: Wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes!
25 Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.
26 Da sprachen, die das hörten: Wer kann dann selig werden?
27 Er aber sprach: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.
Sehen wir uns die Geschichte, von der wir jetzt schon so viel gehört haben, doch einmal genauer an:
Der reiche Mann fragt, wie er das ewige Leben erlangen kann. Seiner Meinung nach hat er alles getan, alle Gebote gehalten.
Jesus bietet eine doppelte Lösung, seine Antwort ist zweigeteilt:
- Einerseits soll der Mann allen Besitz den Armen geben, dann würde er den Schatz im Himmel haben, also das ewige Leben, das Reich Gottes erreichen.
- Andererseits soll er auch Jesus nachfolgen. Er soll also nicht nur seinen Besitz, sondern auch sein ganzes bisheriges Leben aufgeben. Diese Nachfolge bedeutet: Du hast das Reichs Gottes schon jetzt. Hier auf Erden, jetzt, sofort, bedingungslos.
Stellen wir uns doch einmal ehrlich die Frage: Hätten wir´s getan?
Wären wir bereit, alles aufzugeben, was wir uns mühsam erarbeitet haben? Das würde bedeuten, auch unsere Familie und unsere Freunde bedingungslos zu verlassen, sie zurückzulassen für ein Leben für und mit Jesus, für und mit Gott. Wie stark ist unser, wie stark ist mein Glauben? Wie sehr hängt unser Herz, hängt mein Herz an denen, die wir lieben und an unseren Besitztümern?
Jesus sagt: "Wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes!" Versteckt sind in dieser Aussage die Zuwendung Gottes zu den Verlorenen und die Kritik an den Reichen und Selbstgerechten.
Luther sagt im Großen Katechismus in den Erläuterungen zum 1. Gebot: "Denn die zwei gehören zusammen: Glauben und Gott. Worauf du nun dein Herz hängst, das ist eigentlich Gott!"
Und woran hängt unser, woran hängt mein Herz? Haben die Jünger und die Umstehenden nicht Recht, wenn sie sich fragen, wer da noch selig werden kann?
Die Jünger zumindest sind Jesus gefolgt - bedingungslos, jetzt, sofort! Sie haben alles zurückgelassen. Gut, man könnte sagen: Das war doch eine andere Zeit, damals war alles viel einfacher. Aber auch sie hatten Verantwortung für ihre Familien…
Könnten wir, könnte ich so handeln? Oder sitzen am Ende im Reich Gottes die 11 einsamen Jünger und Jesus und Gott? Ganz allein? Man stelle sich das einmal vor…
Aber ist unsere Furcht nicht völlig berechtigt? Wer kann schon seine Sicherheiten einfach aufgeben? In der heutigen Zeit? Wir sind doch nicht allein, haben Verantwortung… für uns, für andere…
Was gibt es für Garantien? Wie lebe ich in der heutigen Zeit, wenn ich Jesus bedingungslos nachfolgen würde? Und wie geht das überhaupt? Soll ich auf alles verzichten?
Ich könnte ins Kloster gehen. Aber wäre ein so zurückgezogenes Leben das, was unter Nachfolge verstanden wird?
Ich könnte als Predigerin durch die Straßen ziehen und versuchen, die Menschen zu bekehren - natürlich in ärmlicher Kleidung und barfuß! Wo oder wie das enden würde, können wir uns sicher alle vorstellen…
Und: Glaube ich genug? Tue ich genug? Kann ich überhaupt genug tun und glauben? Reicht das dann? Habe ich wirklich genug nach den Geboten gelebt? Ich denke, das ist unmöglich! Wenn ich mir selbst meine Worte und Taten nicht vergeben kann, wie kann Gott es dann tun?
Wenn ich mir selbst hier nicht genug zutrauen kann, wie kann Gott es dann? Was tue ich also? Das ist einfach:
Ich gebe mir ganz viel Mühe. Ich gieße die Blumen meiner Nachbarin, wenn sie nicht da ist. Ich füttere die Katze meiner Freundin, wenn sie keine Zeit hat. Ich tröste Freunde, wenn sie traurig sind. Ich habe Zeit für die Menschen die mir wichtig sind und oft auch für die, die mir nicht so wichtig sind. Meine Arbeit mache ich gewissenhaft, damit nicht Kollegen für mich mitarbeiten müssen. Ich spende Geld für einen guten Zweck, sei es für arme Menschen, für Kranke oder für den Umweltschutz. Ich tue sogar etwas für den Umweltschutz, und wenn ich mich auch nur bemühe, den Müll zu trennen. Und ich versuche, gerecht zu sein…
Aber hier stellt sich nochmals die Frage: Reicht das? Tue und glaube ich genug?
Was tue ich also wieder? Und das ist wieder ganz einfach!
Ich zweifle - an mir, an anderen, an Gott… Wie kann er für mich da sein, wenn ich doch so viele Fehler habe? Wie kann er mir vergeben, mich lieben?
Jetzt hat man mir gesagt: Du hältst doch die Predigt. Du darfst das nicht alles in Frage stellen. Du glaubst doch. Stimmt. Tue ich. Zweifeln tue ich trotzdem! Manchmal, wenn ich mich gut fühle und ganz oft, wenn ich mich nicht so gut fühle. Also auch an mir zweifle. Das ist menschlich! Und diese Zweifel übertragen sich dann auf meinen Glauben. Also frage ich weiter:
Wie kann Gott mir und meinen sich immer wiederholenden Gebeten eigentlich überhaupt noch zuhören? Wie kann er mich und meine Zweifel ertragen - Zweifel an mir, an meinem Glauben? Wie oft stelle ich die Fragen: Bin ich gut genug? Habe ich genug getan? Erfülle ich die Aufgaben die mir zugedacht sind, wirklich mit ganzem Herzen? Halte ich die Gebote? Liebe ich meinen Nächsten? Liebe ich meine Feinde?
Und ich glaube, das ist das, was uns die Losung dieses Jahr mit auf den Weg geben wollte: Was dem Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich!
Wenn ich zweifle, Gott zweifelt nicht - an mir, an uns. Das ist das, was ich glaube:
Gott liebt mich in meiner Unvollkommenheit und mit meinen Zweifeln! Wie gesagt, was uns unmöglich ist, ist ihm möglich.
Dieser Satz - der Satz der Jahreslosung - gibt Hoffnung!
|