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Ostersonntag, 31.03.2002
19 Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. 20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. 25 Denn er muß herrschen, bis Gott ihm "alle Feinde unter seine Füße legt" (Psalm 110,1). 26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27 Denn "alles hat er unter seine Füße getan" (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, daß der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem. 1. Korinther 15, 19-28 Liebe Gemeinde, vielleicht erinnert sich noch jemand von ihnen an den ersten Satz aus dem Predigttext. Allein der beinhaltet schon Gesprächsstoff für einen ganzen Ostersonntag. 1. "Hoffen wir !?!..." "Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die Elendesten unter allen Menschen. Allein schon die ersten beiden Worte - nehmen wir uns doch nur einmal die beiden: "...Hoffen wir...". Jeder von uns würde wahrscheinlich diese beiden Worte anders aussprechen. Selbstbewußt: "Ich hoffe." oder zweifelnd: "Hoffe ich?" mit Fragezeichen! Ein weites Thema, das auch ständig und immer wieder anders in alltäglichen Formulierungen vorkommt: Man könnte beliebig Sätze aneinanderreihen: Zum Beispiel so... "Hoffe ich eigentlicht? Ja, doch! Ich hoffe! Mir fällt was ein!... Es gibt sogar viel, worauf ich hoffe. Diese und jenes - und für später mal hoffe ich, daß... Und für dich hoffe ich, daß alles so kommt, wie du es dir erträumst. Und dann ist da ja noch demnächst, da, wo, und so weiter... du weißt schon: da kann ich nur hoffen, daß alles gut geht. Hoffentlich!... Aber du bist ja guter Hoffnung. Dein frohes Gemüt hätte ich gerne. Du bist einfach ein hoffnungsfroher Typ. Das bewundere ich an dir. Die größten Menschen sind sowieso die, die anderen Hoffnung geben können. Ach, ihr seht immer soviele Hoffnungsschimmer. Bei uns sagt man eher: man soll die Hoffnung einfach nie aufgeben. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt z.B. meine Schwester. Die muß es wissen. Sie lebt ständig zwischen Hoffen und Bangen. Man muß das Beste hoffen, denn das Schlimmste kommt von selber, sagt meine Mutter. Nur bei meinem Nachbarn, da denke ich, ist es anders: Da hoffe ich, daß er nicht zulange hofft, auf meine Schwester. Er sieht einfach nicht, daß es hoffnungslos ist. Du, was ich dir noch sagen wollte: ich habe mich auch gerade hoffnungslos verliebt! Ich bin voller Hoffnung, und dabei dachte ich schon manchmal, ich bin ein hoffnungsloser Fall. Ich dachte, bei mir ist doch sowieso Hoffnung und Malz verloren - oder so ähnlich... Egal. Aber jetzt muß ich sagen: Unverhofft kommt oft. Ich lege wieder viele Hoffnungen in meine Zukunft. Und ganz nebenbei: Das ist auch gut fürs Herz. Der Volksmund sagt schließlich: Wer Hoffnung hat, lebt länger!" Ich denke, liebe Gemeinde, der eine oder andere Satz war vielleicht dabei, bei dem ihre Gedanken wie meine lebendig geworden sind; wo sie einfach einen der Sätze weitergedacht haben, an eine Hoffnung, die sie selbst haben. Nehmen sie diesen Gedanken mit in die nächsten Überlegungen, in die Predigt und den Gottesdienst hinein und vielleicht wird ja für heute Mittag noch ein Gespräch beim Essen daraus. "Hoffen wir..." In jedem Fall: Wenn ihnen etwas eingefallen ist, dann ist damit etwas Lebenswichtiges passiert. Nicht nur für Herz und Blutdruck. Hoffnung ist etwas Lebenswichtiges, für die Seele Wohltuendes, wenn man Hoffnung verspürt. Den Satz "Ich habe schlechte Hoffnung" gibts ja gar nicht. Hoffnung ist entweder gut oder nicht da. "Ich habe Hoffnung." sagt man stattdessen, oder noch näher an mir dran: "Ich bin (!)... guter Hoffnung, daß...". Da merkt man schon, daß der ganze Mensch, jede Faser, das Denken und Fühlen, betroffen ist von Hoffnung, oder von dem Fehlen von Hoffnung. Niemand sagt nur mit dem Verstand den Satz: "Es ist hoffnungslos", sondern immer auch mit dem Herzen. Ebenso: "Ich bin voller Hoffnung!". So dürfen und müssen wir alle Sensoren und Sinne öffnen für eine neue Hoffnung. 2. Hoffnung ist immer Hoffnung trotzdem Zu diesem "Hoffnung ist gut - sich für sie öffnen ist gut" müssen wir jetzt allerdings ein Zweites hinzufügen. Das lautet: Jede Hoffnung kann man hinterfragen, als unbegründet hinstellen, als naiv kritisieren, verdunkeln und, was vielleicht das schwierigste ist: Immer wieder werden Hoffnungen durch die Realität enttäuscht. Einige Beispiele: Wieviele Menschen in der Welt hoffen auf Frieden. Es gibt ermutigende Beispiele; Hoffnungszeichen. Und es gibt die aktuelle Eskalation zwischen Israel und den Palästinensern, das Attentat in Netanja und Israels genauso gewaltvolle Antwort. Da kann, wenn überhaupt, Hoffnung immer nur eins sein: "Hoffnung - trotzdem." Wenn ich lese, wie die USA nun wieder neue Atomwaffen entwickeln wollen, und eine Reihe kleiner Krisenstaaten in Asien nun dadurch angetrieben dasselbe überlegen. Dann kann ich Hoffnung nur "trotzdem" haben. Sie kann sich wenig auf Sichtbares stützen. Was ich sehe, geht in die genau entgegengesetzte Richtung und läßt mich manchmal völlig mutlos zurück. Wenn ich lese, daß wir ein weiteres Jahr in Deutschland mehr Geld für Diäten und Schönheitsoperationen wegen Übergewicht ausgeben als für die Stillung von Hunger in der sogenannten 3.Welt, dann bleibt mir nur hoffen - hoffen "trotzdem." Vieles verstellt, erschwert meine Hoffnung von außen. Aber oft, so ahne ich auch, stehe ich selbst meiner Hoffnung im Weg. Auch hier möchte ich Beispiele nennen. Vielleicht gehört mein Hang, immer mehr das Negative zu sehen dazu? "Das lief schon immer so schlecht." oder "Früher war alles besser." oder "Das ist Murphies Gesetz - was schief laufen kann läuft schief." Vielleicht gibt es auch so etwas wie eine Angst Neues anzuschauen? "Mir ist mein bekanntes Elend vertrauter als etwas Neues, von dem ich noch nicht weiß, was wird. Mein (kleines?) Elend halte ich fest, gewinne ich gar lieb, denn darin bin ich ja sicher. Ich sehe deshalb nichts Neues - keine neue Hoffnung. Das wird durch eine kleine Geschichte nochmals vertieft: Unter einer Straßenlaterne steht ein betrunkener Mann und sucht und sucht. Ein Polizist kommt daher und fragt ihn, was er verloren habe, und der Mann antwortet: Meinen Schlüssel. Nun suchen beide. Schließlich will der Polizist wissen, ob der Mann sicher ist, den Schlüssel gerade hier verloren zu haben, und jener antwortet: Nein, nicht hier, sondern dort hinten - aber dort, aber dort ist es viel zu finster. Angst etwas Neues anzuschauen ist auch nur ein Beispiel. Es gibt sicher noch genug Mechanismen, die mir selbst die Hoffnung verstellen, neben äußeren Entmutigungen. Zur Hoffnung aber müssen wir immer auch über das bekannte Sichtfeld hinaussehen. Das paßt übrigens gut zu einer ursprünglichen Bedeutung des Wortes Hoffen: So findet man in der Geschichte des Wortes "Hoffen" auch Übersetzungen mit "sich nach vorn beugen". Die Bedeutung "hoffen" ist daraus geworden, weil sich Menschen unter anderem vorbeugen, um weiter und genauer zu sehen. Das wird sofort deutlich, wenn ich noch die Hand dazunehme. Genau hinschauen - über das Jetzt hinausschauen. Wollen wir das an Ostern tun, dann sollten wir uns jetzt genau anschauen, was die Texte als Grund unserer Hoffnung beschreiben." Auf das, was kommt an Gutem. Was wir an Ostern in den Blick nehmen, sagen gleich die ersten beiden Sätze unseres Textes: Der erste Satz deutete das "weiterschauen" schon an: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die Elendesten unter allen Menschen. Das sagt: Laßt uns nicht nur in diesem Leben auf Christus hoffen, sondern darüber hinaus - bis über den Tod - nicht nur mit unseren eigenen Möglichkeiten rechnen. Laßt uns anschauen, daß hier ein wunderbares und auch unglaubliches Bild gezeichnet wird. So geht der Text weiter: "Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. 23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören.! Gott hat also nach dem Tod einen völlig neuen Weg mit Jesus, zuerst mit ihm, und deshalb auch mit uns, weil auch wir auferweckt werden. Das ist ein ungeheures Hoffnungsbild, das uns Kraft geben will, weil es sagt: Er - Gott - hat Kraft - auch für unser Jetzt und hier. Jetzt können wir von Ostern her auch auf all das sehen, was Jesus gesagt und getan hat: Er war mit Außenseitern zusammen und hat ihnen neuen Lebensmut gegeben - von Gott her! Er hat Ausgelaugte getroffen und hat sie gestärkt - von Gott her. Er hat Menschen die Augen geöffnet die krank oder einfach ungeübt waren - an Gott zu glauben, andere zu sehen, sich selbst zu verstehen - von Gott her. Er hat Menschen sogar geheilt, hat von Gott erzählt wie von einem nahen, liebenvollen, kräftigen Vater, der all dies unter uns aufrichten will. All das, was Jesus gesagt und gezeigt hat, hat vor Gott Gültigkeit - das sagt Ostern. Er meint und will das alles so, trotz allem, was dem entgegensteht. Und auch der Predigttext zeigt Zukünfiges, Unglaubliches, Hoffnungsvolles: "Am Ende wird Christus das Reich Gott, dem Vater, übergeben, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt beseitigt hat. 25 Denn er muß herrschen, bis Gott ihm "alle Feinde unter seine Füße legt" (Psalm 110,1). 26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod." Trotzdem sich Israel und die Palästinenser immer höher in die Gewalt steigern, können wir auf Gottes Frieden hoffen. Trotzdem Jesus ermordet wurde, gilt vor Gott das Wort Jesu: "Liebet eure Feinde." und "Wenn dich einer auf die eine Backe schlägt," ... schlage nicht zurück" denn ER ist auferstanden. Oder, wie es der Kappuziener-Mönch Paulus Freitag Abend in der Talkshow Hermann und Tietchen sagte: Wenn dich der Nachbar nachts mit der Stereo-Anlage nervt, dann laß deine Wut nicht an seinen Autoreifen aus. Ringe, wie Jesus gesagt hat, um Frieden, ohne Gewalt. Denn wir haben die Hoffnung, daß Gott irgendwann und irgendwie doch Frieden und Gerechtigkeit schaffen wird. Die Freude darauf kann uns Kraft geben für unsere kleinen und großen Friedenskämpfe. So dürfen wir an Ostern nicht nur an die Begrenztheit aller Mächte in der Welt denken. Wir dürfen auch in den Blick nehmen: Alles, was uns persönlich unterrückt, quält, begrenzt, die kleinen Tode im Alltag - Kränkungen, Sorgen, Niederlagen, haben nicht das letzte Wort. Wie sollte das auch anders sein, wenn tatsächlich auch der Tod selbst nicht das letzte Wort hat. 3. Ein Bild das Hoffnung macht zieht nach oben Zum Schluß noch eine Bemerkung zu einem Bild. Das habe ich von Exupery, der auch den "kleinen Prinzen" geschrieben hat. Der hat einmal gesagt: "Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht zuerst Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Leute zuallererst die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer." Ich glaube, daß hier sehr Wichtiges für den Glauben gesagt ist. Nicht die Planung und das Tun ist der Kern der Sache, sondern das lebendige Bild, das wir in uns tragen und die Sehnsucht danach, daß Jesu Worte vom Frieden und der Beziehung zu Gott wahr sind. Ich meine, daß die wunderbaren Hoffnungen auf Gottes Zukunft in der Bibel wie der Blick auf ein weites wunderbares Meer sind. Schauen wir sie uns an, können wir Lust bekommen auf dies Meer. Wir können uns von den Bildern treiben lassen, und werden von selbst anfangen, rechte Pläne zu schmieden. Wir werden uns trotzdem vielen Problemen stellen müssen, Rückschläge erleiden, Entmutigungen hinnehmen müssen, und harte Arbeit investieren. Sich für Außenseiter, Behinderte, Arme, Entrechtete einzusetzen kann Gegenwind produzieren. Zu Gott und der Kirche offen zu stehen ebenfalls. Das ist aber etwas anderes, wenn wir die Sehnsucht nach dem Ziel nicht verlieren - immer wieder auf das Meer schauen und an diesem Blick auftanken. Übertragen: Immer wieder auf die Worte Jesu zu schauen, und an ihm Hoffnung zu tanken. Letztlich, und das meint Ostern, auf ihn selbst zu schauen. Auch er hat bittere Stunden erlebt und doch, so erzählt es die Bibel, kommt er uns seit Ostern entgegen, wie den Jüngern im Sturm über das Wasser. Amen PS. Ich füge noch einen Vers hinzu, der mir im Vorfeld hierzu viel zu sagen hatte: "Es ist nicht so, daß unser Leben langsam und sicher abgebaut wird, bis der Tod kommt, sondern unser Tod wird abgebaut, bis uns das Leben ganz umfängt. (Joachim Braun) Vikar Stefan Thäsler |