Heiligabend, 24.12.02


Predigt in der Christnacht zu Lukas 2

Liebe Gemeinde, der Heiligabend ist fortgeschritten, schon ist es mitten in der Nacht. Drei Krippen- und Weihnachtsspiele liegen hier in der Kirche hinter uns – und auch Sie, liebe Gemeinde, werden sich an Krippen- und Weihnachtsspiele von früher erinnern. Heute nun drei Spiele, mit denen die Weihnachstgeschichte illustriert und inszeniert wurde, nachempfunden und nachgespürt. Maria und Josef traten auf, Hirten, Könige, Engel und auch Herodes. Sie alle haben ihre Rollen gespielt, sind in Bethlehem angekommen und von dort wieder weggegangen. Sie alle haben Bilder hinterlassen für das, was Weihnachten ausmacht. Ihr Bild – das Bild vom Stall mit den bekannten Figuren der Weihnachtsgeschichte - mag die ein oder anderen Betrachter angeregt haben, dahinter zu schauen, hinter das Bild, hinter die Oberfläche der Erzählung, hin zu einer Art himmlischer Wirklichkeit mitten im je eigenen Leben.

Im Mittelalter konnte man dieses Sehen und Schauen regelrecht einüben. Damit man sich nicht täuschen ließe vom äußeren Schein, damit trügerische Träume sich nicht an die Stelle von inneren Visionen setzten, galt es, das Sehen zu üben. Heute können wir uns nicht mehr recht vorstellen, wozu dies gut sein soll, heute kommt uns dies in aller Regel absurd vor. Wir haben uns an vielerlei Bilder gewöhnt. Fernseh- und Computerbilder, flimmernde und laufende Bilder, Werbe-Mode- und Reklamebilder. Wir sind sozusagen Seh-spezialisten geworden.

Aber was sehen wir in der Weihnachtsgeschichte? Ich mache vor Weihnachten immer wieder die Erfahrung, dass die größte Herausforderung zu Weihnachten darin besteht, die Bilder der Weihnachtsgeschichte zu retten. Bei soviel künstlichen Bildern um uns herum gilt es, die Weihnachstbilder davor zu schützen, einfach nur betrachtet und dann weggelegt zu werden wie ein Werbeblatt, einfach nur angeschaut und in das Meer der Lügenbilder eingereiht zu werden, die uns täglich umgeben.

Ich merke es im Unterricht mit den Konfirmanden. Ihre Erfahrung sagt ihnen, dass etwas faul ist, wenn sich jemand etwas ausdenkt. Sie wissen von Märchen, Legenden und Lügengeschichten. Ihr Weltbild sagt ihnen, dass sie nichts für wahr zu halten brauchen, was nicht in einem Diagramm, einer Statistik oder einer mathematischen Formel darstellbar wäre. Ich brauche das Wort „Bibel“ nur ansatzweise in den Mund zu nehmen, so sehe ich in ihren Augen, ja in ihrem Blick, mit dem sie mich anschauen: das hat sich ja sowieso jemand ausgedacht. Und damit ist die Sache für sie erledigt. Glaube ist für sie etwas, was der Wirklichkeit nachgeordnet ist. Und wirklich ist alles, was sie umgibt. Dass das Wort „Glaube“ einmal den Charakter gehabt hat, etwas nicht nur für wirklich zu halten, sondern es sogar zu wissen, ist für sie unvorstellbar. Dass das Betrachten von Maria und Josef zum Glauben führt, passt in ein solches Weltbild nicht hinein. Aber genau darum geht es zu Weihnachten.

Was kann man denn nun sehen in der Weihnachtsgeschichte?
Da sind Maria und Josef – Maria ist ungewollt schwanger, Josef nicht der Vater – trotzdem blieben beide ein Paar. Da sind die Hirten auf dem Felde. Sie laufen durch eine dunkle Nacht, weil sie von Hoffnung erfüllt sind. Da sind die Engel – sie sagen diese schönen Sätze, die man jeden Tag gut gebrauchen kann: Fürchtet euch nicht! Ehre sei Gott in der Höhe! Da ist Herodes – und mit ihm ein Schatten in der Weihnachtsgeschichte und schließlich die Könige, die den Reichtum und das Wissen ihrer Zeit letztlich in Gottes Dienst stellen.

Hinter der Weihnachtsgeschichte, liebe Gemeinde, liegt so weit mehr, als uns die Reklame- und Werbebilder einflößen wollen mit ihren Bildern glücklicher Familien und heiler, rührseliger Welt. In der Weihnachtsgeschichte geht es darum, dass aus dem Sehen von Maria und Josef der Glaube folgt. Ein Glaube, der die Menschen handeln ließ für den Frieden, für Menschenwürde, für Gerechtigkeit. Zuallererst folgt aber der Glaube aus dem Betrachten. Sie sahen und glaubten heißt es, sie betrachteten und wurden im Glauben gewiss! Das Sehen wurde ihnen zur Gotteserkenntnis!

Hinter der Weihnachtsgeschichte, liebe Gemeinde, liegt, so möchte ich sagen, die Anmaßung verborgen, dass diese Menschen im Stall tatsächlich einen göttlichen Retter gesehen und erfahren haben, die Anmaßung, jedenfalls für uns aufgeklärte Menschen die Anmaßung, dass Gott ihnen leibhaftig nahe war, dass sie ihn berühren, sehen und wahrnehmen konnten – und dass Gott sich auf diese Art und Weise ihnen zeigte – verletztlich, ohne Zeichen prächtiger Macht, abhängig und angewiesen.
So schafft er die Voraussetzung, dass auch wir uns an ihn wenden können. In aller Einfachheit, in aller Unbedarftheit, verbunden mit einem Staunen, dass uns von dort Hilfe zuteil werden kann.

Auch heute kommen Menschen zum Stall des Gotteskindes. Wie wir. Mit ihren Herzenswünschen. Mit ihren Sehnsüchten. Mit ihren unfertigen Lebensgeschichten. Manchmal mit Freude, manchmal mit Bitterkeit. Was werden sie sehen, wenn sie den Stall betreten? Wenn sie hineingehen und sich der Nähe dieses ungewöhnlichen Kindes aussetzen? Wenn sie wie die Hirten durch eine dunkle Nacht gegangen sind oder wie die Könige den Weg der Erkenntnis als Weg zum Glauben begreifen? Was werden sie sehen? Vielleicht, dass auch in uns ein Kind ist, das nach Leben dürstet, vielleicht, dass sie den Blick von sich ab auf die wenden, die ebenfalls noch da sind und wohl den gleichen Weg genommen haben, vielleicht, dass sie erkennen, wie nah ihnen Gott in Wirklichkeit ist, im Trost und im Zuspruch, in den Grenzen des Lebens – vielleicht sehen auch Sie eine Art himmlischer Wirklichkeit im je eigenen Leben.

Gott schenkt es Ihnen. Denn Gott wurde wie wir. Gott wurde leibhaftig Mensch und wir dürfen daran Anteil haben. In Taufe und Abendmahl. Und wir werden darüber – in der Kirche - selber zum Leib Christi. Das verbindet Weihnachten mit der Kirche, mit uns, nichts Geringeres. Es wäre schön, wenn es hinter all den Weihnachtsbildern hindurchscheinen könnte. Amen


Pastor M. Riemann