17.Sonntag nach Trinitatis 22.9.2002,
Silberne Konfirmation 2002


Gebet

Lebendiger, barmherziger Gott
Dein Licht sei unseres Fußes Leuchte,
Dein Wort sei unseres Weges Schritt
Auf den Wegen durchs Leben schenkst du Mut und Vertrauen.
Dafür können wir dankbar sein, auch wenn nicht alles so verläuft,
wie jeweils ursprünglich gewünscht.
Auf den Wegen durchs Leben schenkst du grenzenlose Liebe.
Für all die Liebe, die wir empfangen und weitergeben, können wir dankbar sein,
auch wenn es neben der Liebe Enttäuschungen gab und gibt.
Auf den Wegen durchs Leben willst du den Menschen nahe sein.
Schenke du ihnen die Gabe, deine Nähe zu ertragen und aufzunehmen.
Auf den Wegen durchs Leben willst du Bestätigung und Ermutigung.
Davon können wir zehren auf den Umwegen unseres Alltags.
So sei du bei uns am heutigen Tag,
wenn die silbernen Konfirmanden ihr Leben bedenken und dir ausbreiten.
Schenke deine Gnade und Barmherzigkeit von nun an bis in Ewigkeit.
Amen

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch allen.

Hört das Wort der Bibel aus dem Brief an die Gemeinde in Ephesus (4, 1-6):

So ermahne ich, Gefangener in dem Herrn, euch, dass ihr wandelt,
wie sichs gebührt entsprechend eurer Berufung, mit der ihr berufen seid,
mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und vertragt einer den anderen
in Liebe und seid fleißig, zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens;
ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eurer Berufung:
ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater unser aller,
der da ist über euch allen und durch euch alle und in euch allen.

Liebe Gemeinde, liebe silberne Konfirmandinnen und Konfirmanden

Es gehört zu einer der ganz alten Angewohnheiten von uns Menschen,
das Leben in Abschnitte zu unterteilen.
Vor und nach der Hochzeit, der Schulzeit, der Ausbildung, dem Beruf, der Pensionierung,
heißt es dann, vor und nach der Operation,
damals, als die Kinder noch klein waren, heute, da sie erwachsen sind.
Wer gewichten will, was daran gut war,
gelangt schnell zu solchen Kriterien wie gerade vorgelesen:
wie ist es bestellt gewesen mit dem Band des Friedens, mit der Einigkeit, der Liebe, dem Geist?
Hat sich Gottes Wirken ausgewirkt?

Die Zäsur eines solchen Abschnittes hat Sie heute hier in die Kirche geführt.
25 Jahre sind sie konfirmiert. 25, 50, 75 - in diesen Abschnitten werden Jubiläen gefeiert,
silbern oder golden ausgeschmückt.
Und in diesen Abschnitten markiert nun auch ein kirchlicher Anlass die Entwicklung
der eigenen Lebensgeschichte. Silberne Konfirmation.
Damals noch am Anfang der Pubertät, heute mit dem Bewusstsein, erwachsen zu sein,
damals noch voller Wünsche, Illusionen, romantischer Anflüge,
heute mit einer Menge Frohsinn - hoffentlich -, aber sicher auch
mit Beulen und Dellen in der Lebensgeschichte. Manches hat gehalten,
ist intensiviert und verstärkt worden, anderes ist inzwischen abgebrochen,
manchmal weggebrochen, häufig genug verändert. Dass ihr wandelt,
wie sichs gebührt - ohne Konflikte geht dies oft nicht. Die Wirklichkeit ist etwas anderes als die Ideale.
Die Demut, von der die Bibel spricht, übersetze ich mit dem Mut,
vom Ideal in die Wirklichkeit hinabzusteigen.
Wer weiß, dass sich die Wege des Lebens mitunter vom Ideal entfernen, wird bescheidener.
Das Wort Geduld bekommt einen anderen Klang. Die Bibel will dabei helfen,
diesen anderen Klang einzuüben, vorallem auch: anzunehmen.
Da hält jemand am Ideal fest, weiß aber, dass wir trotz aller Bemühungen
immer wieder mit dem Gegenteil von Einheit, Frieden, Sanftmut
und Liebe konfrontiert werden - ja selber Teil davon sein können.

Silberne Konfirmation - das ist ein bißchen wie Klassentreffen
- Weißt du noch? - damals, was haben wir da für Klamotten getragen?
Weißt du noch? diese Freizeit - jener Ausflug -
mit 13, 14 Jahren ist das Leben in ganz eigener Weise sehr spannend.
Weißt du noch? Rex Gildo mit love is in the air und Cindy und Bert,
aber auch Kinks und CCR, Rod Stewart und Bryan Ferry -
Schlager- und Popmusik, die für diese Generation sehr wichtig war.

Als Sie 1977 konfirmiert wurden, war die Regierung von Helmut Schmidt am Ruder,
Hanns Martin Schleyer wurde entführt, in Stammheim begingen vier Mitglieder
der sog. RAF Selbstmord. 1977 - da hat sich in dieser Republik viel geändert.
Eine neue Art des Lebens und der Lebensbewältigung wurde geboren - das läßt sich erahnen
mit einem Blick auf die, die 1977 verstarben: Charlie Chaplin und Elvis Presley,
Sepp Herberger (der Ball ist rund) und der Philosoph Ernst Bloch,
einer der wichtigsten Denker des 20.Jahrhunderts. Mit Ernst Bloch ist ein großer Philosoph gestorben,
der über das Prinzip Hoffnung das Christentum mit den fortschrittlichen Kräften
der Gesellschaft für vereinbar hielt. Heute stellt sich die Frage andersherum,
wie es dem Christentum wieder gelingt, auf den Gang der Weltgeschichte kritischen Einfluss zu nehmen.

Geduld, Einigkeit, Sanftmut - das sind Tugenden, die im Laufe des Älterwerdens
auf eine harte Probe gestellt werden. In der letzten Woche war Elternabend für die neuen Vorkonfirmanden.
Wir sprachen über den Gottesdienst. Die Konfirmanden müßten lernen,
sich im Gottesdienst zu benehmen, so waren Eltern der Meinung.
Im Laufe des Gespräches wurde deutlich, welch große Leistung damit von den Konfirmanden erwartet wird
- und welch große Leistung Sie, liebe Silberne Konfirmanden, mehr oder weniger erbracht haben.

Die Konfirmanden sollen sich in eine kirchliche Erwachsenenwelt integrieren,
deren Sprache sie oft nicht mehr kennen (auch von ihren eigenen Eltern oft nicht),
deren Formen ihnen ungewohnt sind und deren gesellschaftliche Akzeptanz
und Wertschätzung ihnen abzunehmen scheint. Und wenn sie stören,
bekommen sie eins auf den Deckel oder ernten böse Blicke. Umso bemerkenswerter,
dass überhaupt Jahr für Jahr sich so viele Konfirmanden zum Unterricht anmelden.

Offensichtlich, so interpretiere ich das, wird von den Konfirmanden eine Haltung erwartet
und eingefordert, von deren Wirkung trotzdem ein Großteil der Gesellschaft
nach wie vor überzeugt ist, um deren Durchsetzung sie sich selber aber keine Gedanken
mehr macht bzw. nicht weiß, wie sie dies tun soll.

Geduld, Einigkeit, Sanftmut - wie schön, wenn Konfirmanden dies lernen könnten,
so übersetze ich dies als tragenden Wunsch für die Konfirmandenzeit.
Geduld, Einigkeit, Sanftmut - wie schön, wenn Konfirmanden eine Ahnung davon bekämen,
wie wichtig eines Tages einmal solche Dinge sein werden. Auf der Entbindungstation
eines Krankenhauses, im Beziehungsstreit, am Sterbebett der Eltern.
Dort, wo Neues und Ungewohntes ans Lebenslicht gelangt, dort, wo die Wege Liebender
auf eine harte Probe gestellt werden, dort, wo wir mit den Schattenseiten
unseres Lebens zu tun bekommen.
Geduld, Einigkeit, Sanftmut - das steht nicht auf den Wahlplakaten. Aber es hilft doch zum Leben.

In der letzten Konfirmandenstunde war wieder einmal eine knisternde Stimmung.
Nach der Stunde drohte, dass da einer schnell zuschlagen könnte. Das unsichere Lachen
der anderen reizte ihn noch mehr. Aber trotzdem gelang es ihm zu sagen,
was er nicht akzeptieren konnte. Und die anderen ließen sich darauf ein,
mit nachzudenken darüber, was jemandem wohl hilft, wenn er oder sie das Gefühl hat,
gleich losschlagen zu müssen. Das hat ausgereicht, Schlimmeres zu verhindern
- mag sein, das ist nicht viel - aber vor der Leistung dieses Konfirmanden
habe ich großen Respekt.
Geduld, Einigkeit, Sanfmut - das sind große Worte - hier waren es ganz kleine Schritte.

Der Epheserbrief, liebe Gemeinde, aus dem diese Verse stammen, hat sich deutlich ausgedrückt. Das war offenbar nötig.

Wer Demut einfordert, sieht Menschen in ihren idealisierten Höhenflügen,
die nicht auf dem Boden ankommen. Ihnen tut es gut, in Demut sich der eigenen Menschlichkeit bewusst zu werden.

Wer Sanfmut einfordert, sieht Menschen, die über die Erfahrungen ihres Lebens bitter
und hart geworden sind. Ein sanftmütiger Mensch rechnet ihnen ihre Härte nicht zu,
er ist selber durch die Mühlen seines Lebens gegangen.

Der Epheserbrief weiß dabei, dass er ein Ideal zeichnet. Er sieht darin die wichtigen
Haltungen eines Christen, einer Christin. Denn die Christen sind Menschen, die einander in Liebe aushalten.
Das schließt Konflikte ebenso ein wie dieses, einander in Unterschieden zu ertragen.
Im Abendmahl wird dies sinnfällig vor Augen gerückt.
Der Epheserbrief sagt nicht: du musst als Christ in jeder Situation geduldig,
sanftmütig und einig-liebevoll sein. Er sagt nur, dass du dazu von Gott eine Chance hast,
dass du durch die Konflikte deines Lebens hindurchgehen kannst.

Demut ist der Mut, durch sie hindurchzugehen, sie anzusprechen,
aufzugreifen und zum Band des Friedens zurückzukehren.

Der Epheserbrief beschwört sodann die Christen, sich bei all diesen Haltungen
eines vor Augen zu halten: dass sie wissen, woraus sie leben und wie sie leben,
damit das Heil, das sie in Christus erfahren, sichtbar wird.
ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.
Es ist ein Heil für die Christen und es ist ein Heil für die Welt,
von dem ich nach wie vor überzeugt bin, dass es sich kritisch auf den Gang
der Weltgeschichte auswirkt.

Nur drei Beispiele:
Wenn Gott alle Gewalt gegeben ist, ist uns ihr Gebrauch entzogen.
Das kann man ja nicht deutlich genug in diesen Tagen sagen,
in denen das Wort Krieg die Runde macht.

Wenn Gott ein Gott der Gnade ist, verbietet es sich,
ihn der Anbetung des Mammons zu opfern. Ein weltweites Schuldensystem,
das die Ärmeren endgültig in die Knie zwingt, ist ein großer Skandal.

Und wenn Gott wirklich alle Gewalt gegeben ist, verbietet es sich,
uns an seine Stelle zu setzen, wenn wir das von uns Gemachte nicht mehr kontrollieren können.

Der Epheserbrief rechnet mit Konsequenzen. Nichts ist egal und gleichgültig.
Das Heil soll sich auswirken. Es kann erfahren werden. In Sanfmut, in Liebe,
in Geduld, in Einigkeit. Diese Einigkeit ist durch den Dialog aller
Verschiedenheiten hindurchgegangen. Nicht der Einheitsbrei, sondern die Einheit,
die die verschiedenen Menschen gelten läßt, ist sein Ziel. In ihm leuchtet
das Geheimnis der Erlösung. In ihm leuchtet das Geheimnis des Glaubens
auf den Wegen durchs Leben. 1977 und einige Jahre später. Ganz anders geworden,
aber doch noch immer verbunden mit dem Band dieses Friedens, von Gott verheißen.
Gott wird euch stärken auf euren Wegen, über diesen Abschnitt hinaus, in Sanfmut, Geduld und Liebe.

Amen

Fürbitte
Lebendiger, barmherziger Gott, Dein Kommen erwarten wir,
Deine Liebe erhoffen wir
wir bitten dich für die silbernen Konfirmanden,
schenke ihnen deine Liebe, wenn sie auf ihr Leben schauen,
schenke ihnen deine Hoffnung, wenn sie ihr Leben neu für die Zukunft ausrichten.
wir bitten dich für deine Kirche, schenke ihr deinen Geist der Klarheit
und der Wahrhaftigkeit, dass sie ihre Stimme in der Gegenwart erheben kann
wir bitten dich für deine Gemeinde,
schenke ihr Einsicht in die Vielschichtigkeit des Lebens,
schenke ihr Umsicht im Kontakt zu ihren Kritikern,
schenke ihr Weitsicht in der Hoffnung auf eine Zukunft des Friedens
wir bitten dich für junge und alte Menschen,
für den Mut, sich neu zu orientieren und für den Mut, an Bewährtem festzuhalten.
Wir bitten dich für alle Menschen, mit beidem einen guten Ausgleich zu finden
wir bitten dich für Wähler wie Gewählte des heutigen Tages,
dass niemand Schaden an seiner Seele oder Person nimmt und darum,
dass erkennbar bleibt, um verschiedene Ansichten zu ringen,
aber das Wohl der Personen nicht herabgesetzt wird
wir bitten dich für uns alle um deinen Geist der Liebe und des Friedens,
dass wir gleich welchens Alters uns immer noch Neues vom Leben erhoffen dürfen,
wir bitten dich für alle kranken Menschen um dein Heil
für sterbende Menschen um deinen Segen

Du schenkst uns deine Gegenwart in Brot und Wein
- lass uns darin deine Kraft und Wahrheit finden.

Amen

Pastor M. Riemann