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24. Oktober 2005 bis 29. Oktober 2005
- Werkstatt sakraler Raum -
Ein Projekt des Fachgebietes Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers in Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde Winsen (Aller)
Impressionen der Werkstatt sakraler Raum
Drei Teilnehmer haben uns Erfahrungsberichte zur Verfügung gestellt:
1)
Die aufregenste Woche in diesem Jahr: Eine Woche ein Atelier in der Kirche in Winsen.
In der Vorbesprechung und dem ersten Besuch in der Kirche gehe ich durch den Raum, schaue mich um und finde nichts. Glatte weiße Wände aus Holz, Goldverziehrungen, einen festlichen sakralen Raum. Ein großes Taufbecken in der Mitte der Kirche,- aber was mache ich damit? Auch in der Woche vor der Werkstattzeit kommen mir nur wenige Bilder, die Kirche komplett ausräumen, den Raum entleeren, damit neue Energie fließen kann… . Ich stehe vor so schweren Bänken, die wir zusammen nicht einmal hinausbewegen können. Die ersten zwei Tage und lange Abende in der Werkstattzeit machen mich sehr unruhig. Ideensammlungen:
Blätter in die Kirche bringen, das zeitliche Geschehen in den sakralen Raum verlegen, Blätter fallen von der Empore, es duftet nach Laub. Oder: Eine Wasserleitung über dem Taufbecken installieren, so dass Wasser in das Taufbecken fließt und es überflutet. Mittwoch morgen versuche ich mich in das Taufbecken zu setzten, es ist zu klein und das Bild sieht aus wie ein Narr, der in einem Bottich sitzt. Alles keine Lösungen für das, was sich innerlich an Prozessen und Sehnsüchten bildet. Ich lese in meinen Notizen und komme an dem Wasser nicht vorbei. Täuferkirche, in der Geschichte oftmals überschwemmt. Ein inneres Bild von einer überschwemmten Kirche macht sich breit, das Wasser schwappt aus dem Taufbecken und überflutet die gesamte Kirche, die Menschen stehen im Wasser. Technisch zu lösen, aber zu aufwendig. Im Prozess immer wieder Abweichungen und Nebenwege, ich entdecke, dass alles in der Kirche schief ist, auch verdreht. Wir beginnen auf den Nebengleisen mit den Bänken zu spielen, stellen sie quer,- doch ändert das alles gar nichts an meinem Grundgefühl, an der inneren Notwendigkeit beim Wasser zu bleiben. Ich entscheide und konzentriere mich auf einen Weg durch das Mittelschiff zum Taufbecken, mache Skizzen meines inneren Bildes. Jetzt komme ich der Tiefe und dem Ursächlichen auf den Grund. Ich weiß noch nicht alles, doch beginne ich das Bild um zu setzten. Donnerstag Mittag lasse ich in die vorbereitete Fläche das Wasser ein. Zwei Stunden lang. Da wird mein inneres Bild zu einem Gegenüber im Raum. Ich bin sprachlos, staune und merke erst jetzt, wie tief mein inneres Bild mich getrieben hat. Ich wage gar nicht die Wasserfläche zu berühren. Die Spiegelungen des Raumes, manchmal Erschütterungen in der Wasserfläche, die gleich einem Spiegel nahe kommt, zerbrechlich und doch so erstaunlich schön. Der Taufkessel ebenfalls voll mit Wasser gefüllt , - eine Einladung zu einem Ritual ganz für mich.
Ich stehe gefasst und konzentriert am Beginn des Wasserweges zum Taufkessel. Celloklänge, das Licht warm, Zuschauer stehen auf der Empore, die Kirche ist bewusst entleert von allem, was stören könnte. Ich setzte den ersten Schritt und schreite bedacht und still zu zum Ort des Geschehens, nehme das kalte Wasser wahr, das Geräusch, die seichten Wellen, stehe vor dem Taufkessel, bewege mich um ihn herum und stelle mich mit dem Rücken zum Altar vor das Taufbecken. Meine Hände bewegen das Wasser sehr still, vorsichtig, es ist kalt und weich.
Der Blick in das Kirchschiff mit der Wasserfläche als Weg zu meinem Ort, es ist still, nur die Cellotöne erklingen und untermalen mein inneres Gefühl, ich habe eine Aufgabe: Jetzt und hier beginnt der eigentliche Akt der symbolischen Reinigung, des mich Wässerns, des mich Eintauchens in dieses kalte und doch so weiche klare Wasser. Ich führe zu viel Wasser zu meinem Gesicht, ein Schwall wie ein Wasserrausch füllt mein Antlitz, Luft bleibt stehen, Wasser fließt und Tränen sind dabei. Ich weiß was ich hier will, ich will etwas Tiefes in mir reinigen, erfrischen, tränken, auswaschen. Ich tauche in das Becken mit meinem Kopf, nehme meine Haltung ein, demütig, bedacht. Es ist keine Leichtigkeit, aber Erleichterung, Loslassen in einer Art von Gebetshandlung für die ich mich und den Raum zurecht gemacht habe. Zeugen sehen zu. Es ist kein einsames Geschehen, sondern gefüllt mit viel Verantwortung für alles, was um mich ist und in mir ist. Ich stehe allein da, habe mich wieder aus meiner inneren Welt aufgemacht in die Teilhabe und das Teilen meiner inneren Bewegung. Das Wasser spritzt heraus wie eine Fontäne, hoch, ein befreiendes und doch auch tränendes Geschehen.
Ich atme tief, langsam tauchen meine Hände in den Taufkessel und nehmen Wasser auf. Ich gehe meinen Weg zurück, drehe mich noch einmal zum Altar, schreite dann langsam und konzentriert den Weg durch das Wasser. Stille, zwischen Lachen und Weinen, gelöst und angespannt, nehme ich etwas mit, bestimmt für meine Welt, und symbolisch auch für andere, denen ich begegnen werde.
Danke für den Raum, die Zeit, das Ereignis, danke den Menschen, die uns neugierig besuchten, mit uns ins Gespräch kommen wollten. Danke für die Teilhabe und das große Interesse an unserer Arbeit. Danke für Ihre Gastfreundschaft und für Ihre Offenheit. Vielleicht kommen wir wieder!
2)
Schon als wir Ende des Sommers die Kirche in Augenschein nahmen für unsere Veranstaltung werkstatt sakraler raum, fühlten wir uns freundlich empfangen.
Und als wir dann an einem Montag begannen, den Kirchenraum umzuräumen, fragte uns der junge Küster - mehr erstaunt als entsetzt: "was macht ihr mit meiner Kirche? " - und machte uns dann immer wieder bereitwillig den Zugang möglich - zu Nebenräumen und - voll Vertrauen - zum elektrischen Schaltkasten.
So gab er uns die Gewissheit, für diese Tage in "unserer" Kiche sakrale Räume finden zu können. Räume, die durch unsere Gestaltung Erinnerungen wecken sollten an die Geschichten und die Geschichte dieser noch jung aussehenden aber alten Kiche: das trotzige Westwerk mit seinen vernarbten Mauern - die Empore mit ihren vielen persönlichen Erinnerungen junger und alter Menschen machten wir zum "Museum" persönlicher Erinnerungen. Um den Taufkessel breiteten wir eine weite Wasserfläche bis in den Mittelgang hinein, eingegrenzt durch die geneigten Sitzbänke - nun gekreuzt mit Erinnerungsfäden an die mächtige Breite der alten nach Osten gerichteten Kirche vor 400 Jahren.
Wie aber sollten die ungezählten Liter Wasser im Mittelgang und im Taufkessel wieder entleert werden? - wir blieben nicht allein: Küster und Pfarrer legten mit Schwämmen und Besen mit Hand an - und ein hereinschauender Nachbar brachte uns eine handlich-kräftige Absaugpumpe -so war der gewohnte lichte Kirchenraum rechtzeitig für eine folgende Hochzeit wieder hergerichtet.
Unsichtbar fast wurden wir in all den Tagen im "nebenan" liebevoll umsorgt mit selbstgebackenen Kuchen, Tee und Kaffee von so freundlichen Helferinnen und Helfern der Gemeinde. Unsere Abschlusspräsentation schien uns - mache Besucher hatten schon während der Tage neugierig -aufgeschlossen hereingeschaut - als ein "kleines Fest der Gemeinde" mit vertraulichen Gesprächen zu enden.
Dank für diese gute Zeit. - Heinz Schlage
3)
Mein Interesse gilt dem Sakralen Raum als einem Sprachraum. Alle Dinge, die in einem Raum sind - insbesondere in einer Kirche - haben ihre eigene Geschichte und sprechen mich deswegen auf jeweils eigene Art und Weise an. Die Dinge sprechen.
In der Kirche‚ St. Johannes-der-Täufer in Winsen (Aller) sprach mich der Altarraum an. Die klare, weiße Farbe, das strahlende Gold haben mich beeindruckt. Ich empfand mich dadurch selbst als klar und licht. Gleichzeitig präsentierte sich mir der Altarraum als undurchdringliche Perfektion, wie eine Fassade.
Kontrastiert wurde dieses Bild bei einem Rundgang mit dem Blick in Ecken und Nischen, in denen das kantige und raue Mauerwerk sichtbar wurde, vollends in dem Turm, in dem sich die Kirche ‚ungeschminkt als lebendiges, altes Gemäuer zeigte.
Das Helle und Klare begegnete in mir dem Dunklen und Veborgenen.
Dieses Bild fand für mich eine Entsprechung im Kirchenschiff, das überstrahlt wird von den Acantusblättern vor allem an der Empore. Diese strahlen und beeindrucken durch ihre schöne und imposante Form. In der Natur jedoch ist es - übertrieben gesagt - ein fast dschungelartiges mannshohes Gewächs, das sich schnell und weitläufig ausbreitet. Lässt man es wachsen, wird man seiner nicht mehr Herr.
Aufgrund dieser Eindrücke war es schon bald mein Wunsch etwas Kräftiges und Klares zu zeigen, dass aber auch etwas Ungeordnetes, Chaotisches, Veborgenes in sich birgt.
Farbe wurde schon bald für mich ein Thema. Sie beeindruckt durch ihre Schönheit. Lässt man sie aber fließen, entstehen neue ungeahnte noch verborgene Formen.
Diese Entdeckung kombinierte ich mit dem weißen Altar. Ich wollte versuchen, das Weiß des Altars und damit ein Stück der Architektur fortzusetzen in meiner eigenen Person. Dies unternahm ich, in dem ich mich selbst in weiße Farbe getaucht habe. Gleichzeitig entstand dadurch eine inhaltliche Korrespondenz, indem ich, geweißt am Boden liegend, die Figur des Christus über dem Altar aufnahm und in meine Person fortsetzte.
Dies ist mein Gespräch mit dem Raum.
Beeindruckt bin ich von den vielen lieben und angenehm neugierigen Menschen in Winsn, die immer wieder uns über die Schulter geschaut haben. Da hat die Arbeit es recht Spaß gemacht!
Ich bin gerne bei Ihnen gewesen. - Andreas Lohrey
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07. Oktober 2005
Die sogenannte "Winser Madonna" wurde auf der Marienburg versteigert
P. Halberstadt, Hans-Heinrich Lindhorst, Dieter Marquardt und P. Riemann machten sich am Freitag, den 7. 10. 2005, auf den Weg auf die Marienburg zur Versteigerung von Kunstwerken des königlichen Hauses Hannover.
P. Halberstadt hatte alles gut vorbereitet. Anträge waren gestellt, die Klosterkammer stellte einen Zuschuss in Aussicht, private Spender wurden aquiriert.
Sorgfältig wurde der Katalog studiert, die Kirchengemeinde eingeschaltet, mit Prinz Heinrich von Hannover noch einige Male telefoniert: ob nicht doch die Madonna aus der Auktion herausgehalten werden könne? Nein, das ging nicht mehr - jedenfalls zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Erst einige Tage später nahm der öffentliche Druck zu. Noch einmal ein Fax, in dem die Ansprüche der Winser Kirchengemeinde geltend gemacht wurden.
Die Madonna stand vorreformatorisch zu Beginn des 16.Jahrhunderts in der Winser Kirche. Dann gibt es 300 Jahre keine Aufzeichnungen über ihren Verbleib, 1860 oder 61 kam sie in Welfenbesitz, wahrscheinlich aufgrund eines Erlasses des Königshauses, wertvoll erscheinende Güter dem Königshaus zu überlassen. Genaues ist aber nicht mehr bekannt.
Als das Quartett die Marienburg in der Mittagszeit erreichte, war das Fax noch nicht an der richtigen Stelle angekommen. Telefonat mit Ernst-August - aber die Ansprüche wurden abgelehnt, schon zu viel sei an Museen gegangen, jetzt sei Schluss.
Die Auktion zog sich hin. Silber, Bestecke, Paukenschüsseln - hohe Preise. Dann nach fast fünf Stunden endlich die Losnummer 1262. Der Auktionator begann mit 6000 Euro - das entsprach schon dem Schätzwert im Katalog. Das Quartett hatte sich zuvor verständigt, bis 15.000 Euro mitbieten zu können. Aber noch niemand der Vier hatte seinen Arm gehoben, da war diese Summe schon erreicht. Schnell ging es weiter, 20.000 - 22.000 - 24.000. Nach drei Minuten war alles vorbei. Keine Chance. Aber, so waren sich alle vier einig: "Wir haben es wenigstens versucht!"
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